Die Tage hatten schon länger keine Ränder mehr. Sie begannen frühmorgens und endeten wieder frühmorgens, ohne dazwischen wirklich aufzuhören. Familie, Arbeit, Familie, Haushalt, Familie. Dazwischen keine Pause, höchstens ein Spalt, in den ich noch schnell etwas schob: eine Nachricht, eine Einkaufsliste, einen Termin, der noch vereinbart werden musste, einen Gedanken, der sowieso nicht fertig werden durfte.
Ich wusste nicht mehr, wie sich Zeit anfühlte, die niemandem gehörte außer mir. Meine Uhr hatte zu wenig Stunden. Und selbst wenn sie mehr gehabt hätte, hätte ich vermutlich nicht gewusst, wohin damit.
So kam die Leere. Nicht plötzlich, nicht dramatisch. Sie kam in kleinen, fast höflichen Schritten. Erst als kaum merkbares Ziehen in der Brust. Als ein Seufzer zu viel. Als Gähnen mitten am Tag. Irgendwann wachte ich morgens auf und war genauso müde wie am Abend zuvor. Je größer die Müdigkeit wurde, desto kleiner wurde der Schlaf.
Dafür füllte sich mein Kopf.
Gedanken kreisten in mir, schneller als das Karussell auf dem Frühlingsjahrmarkt. In einer Serie sah ich einmal eine Raumkapsel, die in einem geomagnetischen Sturm um die eigene Achse taumelte. Die Astronauten wurden von den Fliehkräften an die Wände gedrückt. Die Steuerung lag in der Mitte, unerreichbar. Natürlich schafften sie es im Fernsehen trotzdem. Einer musste danach nur kurz reanimiert werden.
So fühlte ich mich. Nur dass ich nicht wusste, wo in mir diese Mitte lag.
Zu den kreisenden Gedanken kamen Gefühle, die mir den Brustraum nahmen. Eins allein hätte offenbar nicht gereicht. Ich redete mir ein, es sei nicht so schlimm. Vielleicht merkte ich es wirklich nicht. Vielleicht wollte ich es auch nicht merken.
Andere bemerkten es längst. Man sagte mir, ich lächelte kaum noch so, dass es ehrlich wirkte. Ich zog mich zurück. Erst von Gesprächen, dann von Menschen, schließlich von mir selbst.
Die großen Onlinehändler wurden mein neuer Freundeskreis, und den Paketboten sah ich häufiger als meine nächsten Verwandten. Es gab aber auch wirklich schöne Sachen: zum Dekorieren, zum Basteln, zum Kochen. Dinge, die das Leben einfacher machen sollten. Schöner. Überschaubarer.
Natürlich brauchten diese Dinge Platz.
Also kamen Sortierboxen dazu, Dosen, Körbe, Regale. Dinge für die Dinge. Im Flur standen Kartons, im Wohnzimmer Körbe, in den Schränken Boxen, in den Boxen Versprechen. Alles sollte Ordnung schaffen. Alles nahm Raum ein.
Meine neuen Freunde, die Onlinehändler, freuten sich. Der Paketbote weniger. Mein Mann auch nicht.
Die Menschen, mit denen ich mich austauschte, wurden weniger. Die Lücke füllte ich mit dem neuesten Smartphone in meiner Hand. Dieses Gerät könne wirklich viel, versprach die Werbung. Den Großteil des Alltags organisieren. Den Kalender, die Einkäufe, die Schritte, den Schlaf. Spiele, Nachrichten, Angebote, Serien, Stimmen. Ablenkung funktionierte tadellos, solange der Bildschirm hell blieb. Meine Nachrichten liefen über, ohne dass mich eine wirklich erreichte.
Mein Leben war voll. Voller Aufgaben, Dinge, Reize, Geräusche. Voller Listen, die nach neuen, noch längeren Listen verlangten. Nur ich kam darin kaum noch vor.
Dann zog mein Körper die Grenze, die ich nicht gezogen hatte.
Jetzt bin ich hier. In einer Klinik, weit weg von daheim. Mit so viel Gepäck, wie ich tragen konnte, bin ich gestrandet. Zwei Monate. Allein.
Am Anfang war die Stille kaum auszuhalten. Ich dachte ständig daran, was ich noch brauchen könnte. Was ich vergessen hatte. Was ich bestellen müsste, um diesen fremden Raum erträglicher zu machen. Und den Rest der Leere füllte ich mit Tränen.
Jetzt sitze ich auf meinem Balkon und schaue ins Grüne. Die Vögel zwitschern. Der Wind legt eine kühle Hand auf meine Haut, während die Vormittagssonne meinen Körper wärmt.
Ich drehe mich um und blicke in mein Zimmer. Auf die Taschen, die Dinge, die Stapel. Alles, was ich mitgenommen habe, um nicht leer zu sein. Plötzlich wirkt es schwer. Erdrückend. Als hätte ich versucht, mich mit Gepäck vor dem Leben zu schützen.
Ein tiefer Seufzer löst sich aus meiner Brust.
Vor mir liegen Wiesen. Auf den ersten Blick leer. Kein Haus, kein Weg, kein Mensch, der etwas von mir will. Nur Gras, Licht, Wind, Vogelstimmen. Je länger ich hinsehe, desto schöner wird diese Leere. Friedlicher. Sie ist nicht leer, weil etwas fehlt. Sie ist leer, weil sie Raum lässt für all das Leben in ihr.
Raum zum Atmen.
Raum zum Weiteratmen.
Raum zum Leben.
Dieser Prosatext wurde auch in der #kkl66 zum Thema „Raum, Räume“ veröffentlicht
