Ela Weidinger

Wertlos ist ein hartes Wort

Um den Wert einer Sache festzustellen, muss sie erst bewertet werden. So, als säße in uns ein kleiner glatzköpfiger Beamter mit dicken Gläsern vor den Augen, der den ganzen Tag allem und jedem seinen Stempel aufdrückt: wertvoll, wertlos, vielleicht irgendwann unter gewissen Umständen verwendbar.

Dabei behaupten wir doch alle gern, wir würden nicht urteilen. Wir nennen unsere Urteile dann gern wertfrei oder wertneutral. Wir seien offen, tolerant und überhaupt wahnsinnig großzügig im Denken. Und dann bewerten wir doch. Das Wetter ist viel zu heiß, der Kaffee ohne jede Kraft, der Nachbar freundlich, aber ständig zu laut. Und selbst im Apfelstrudel sind Rosinen für manche ein schwerer charakterlicher Fehler.

Ja, wir bewerten ständig. Manchmal mit Sternen, manchmal mit Worten, manchmal mit Blicken. Und, ganz schlimm: manchmal mit Schweigen.

Ist etwas wert, beachtet zu werden, ist es beachtenswert. Ist jemand Liebe wert, ist er liebenswert. Sollte ein Film gesehen werden, ist er sehenswert. Und sollte jemand bemerkt werden, ist er bemerkenswert.

Ist etwas voll von Wert, nennen wir es wertvoll. Finden wir keinen Wert, heißt es wertlos. Ein hartes Wort: wertlos. Als hätte man ewig gesucht, in jeder dunklen Ecke nachgesehen, alle Schubladen ausgeräumt, alle Möbel verrückt, nur um schließlich festzustellen: Nein. Kein Wert zu finden.

Wertlos.

Ist aber etwas besonders wertvoll, nennen wir es einen Schatz. Und einen Schatz sollte man schätzen. Nicht nur einschätzen, abschätzen, überschätzen oder gar unterschätzen. Sondern schätzen im alten Sinn: achten, behüten, nicht achtlos weglegen.

Seltsam ist nur, dass vieles uns erst dann wertvoll erscheint, wenn es nicht mehr da ist. Das Lächeln eines Menschen. Seine Stimme. Die Selbstverständlichkeit, mit der jemand neben uns war.

Und manchmal werden sogar Dinge wertvoll, die uns vorher lästig waren.

Wie oft habe ich mich über die vielen Haare meiner Fellnase in der Wohnung geärgert. Wie genervt war mein Blick, wenn er bei stärkstem Unwetter unbedingt hinauswollte. Jetzt, wo er nicht mehr da ist, freue ich mich, wenn ich noch ein Haar von ihm entdecke. Und wie gern würde ich noch einmal mit ihm durch jedes noch so heftige Unwetter gehen.

Aber es sind nicht nur Menschen und Tiere. Es kann auch das verschlissene Kuscheltier sein, das uns seit Jahren begleitet. Oder die abgetragene Lieblingsjeans. Dinge, die sich kaum verkaufen ließen und doch unbezahlbar sind. Ein Wertverlust, den keine Versicherung abdeckt. 

Vielleicht ist Wert also nicht nur etwas, das man feststellt. Vielleicht ist Wert etwas, das man gibt.

Vielleicht ist Wertschätzung eine andere Art von Werterhalt: nicht gegen Rost, Staub oder Zeit, sondern gegen Vergessen.

Und vielleicht beginnt sie genau dort: wo wir aufhören, alles nur zu bewerten, und anfangen, manches wirklich zu schätzen.