Ela Weidinger

Unabgeschickt

In meinen Gedanken habe ich euch schon viele Briefe geschrieben. Abgeschickt wurden sie nie. Vielleicht, weil Schweigen einfacher ist. Aber ist es das wirklich? Ich habe nie gesagt, wie es mir wirklich geht. Schweigen schien leichter. Aber je länger man schweigt, desto größer wird der Abstand. Und inzwischen wirkt er beinahe unüberwindbar. Ich habe nie gesagt, woran es liegt. Dass

Weiterlesen

fragment # 2 – sie

Mit einem Lächeln kommt sie an, als gehöre sie längst hierher. Nur ihr Blick trägt eine Weite, als würde er mehr festhalten, als er preisgibt, so als hätte sie die Welt gesehen.Wenn sie lacht, sammeln sich Sonnenstrahlen in ihren Grübchen. Alles an ihr wirkt ungekünstelt, beinahe unberührt echt – als hätte das Leben sie noch nicht verbogen. Ihre Bewegungen sind

Weiterlesen

fragment # 1 – Dort, wo der Bachlauf…

Das Raue der glatten Oberfläche gibt die Geschichten wieder, die jeder Regentropfen von seiner Reise durch die Jahreszeiten trägt. Vom Wind geformt, legt sich seine Bewegung in feine Spuren. Eingebettet in eine Fremde und doch für diesen Ort geschaffen: Dort, wo der Bachlauf zarte Melodien im Takt des Spechtes trägt, wohlwissend, dass er im Sommer verstummt, um im Herbst alles

Weiterlesen

Ich war da. Wieder.

Ich habe gelernt, dass Risse nicht immer repariert werden wollen. Ich musste das schmerzlich lernen. In einer Zeit, in der ich funktionierte, wurden wir Freunde. Mir war egal, ob du es tatest. Für Freundschaft sollte das nicht wichtig sein. Dachte ich. Ich war dir wichtig. Immer dann, wenn du nicht funktioniert hast und ich schon. Ich habe geschluckt. Immer wieder.

Weiterlesen

Zwischen offen und geschlossen

Zwischen uns war immer ein Fenster, das weder ganz offen noch ganz geschlossen stand. Deine Blicke durch dieses Fenster aufzufangen, gab mir Nähe. Und Geborgenheit. Nähe – aber nicht unbeschwert. Auf ihr lag ein Gewicht aus hundert Abern und unausgesprochenen Gedanken. Dann ist da diese Unsicherheit: Wenn ich sie zulasse, öffnet sich das Fenster weiter – oder wird es von

Weiterlesen

Die Fülle der Leere

Dualität. Kopf oder Zahl. Wie eine Münze hat alles im Leben zwei Seiten — und ich trage beide. Ich bin ein Widerspruch in Persona. In mir liegt eine Leere, still wie ein zugefrorener See, an dessen Oberfläche kein Leben sichtbar ist. Nur tief unten bewegt sich etwas, vorsichtig, wartend, bereit, endlich durch das Eis zu brechen. Und trotzdem: Diese Leere

Weiterlesen

Wenn die Weiche sich stellt

Wer sagt dir, dass nicht heute, am 29. Jänner 2026, der Tag sein kann, ab dem es beginnt, besser zu werden? Zugegeben: Im Leben kann man nicht alles beeinflussen – wahrscheinlich sogar nur einen sehr kleinen Teil. Doch genau dieser kleine Teil kann so viel bewirken. Stell es dir wie bei einer Eisenbahn vor. Es reicht eine kleine Weiche, die

Weiterlesen

Drei Atemzüge Mut

Bist du bereit, die Schwelle zu übertreten? Du zögerst. Du ringst mit dir selbst. Du weißt: Wenn du hinübergehst, wirst du in den Spiegel sehen. Nicht dürfen – müssen. Die ungeschönte Wahrheit. Du sammelst Mut. Einen Schritt. Die Augen geschlossen. Drei Atemzüge. Als du sie öffnest, verschwimmt dein Blick. Tränen steigen auf. Und plötzlich verlieren deine Selbstzweifel ihre Schärfe. Zerschellen

Weiterlesen

Im Tunnel der Eile

Mit rasendem Tempo schießen wir, durch den U-Bahn-Schacht. Wir werden vor uns hergetrieben, bis kaum noch etwas zwischen zwei Atemzügen passt. Kaum erreichen wir Rekordtempo, reißt uns die Bremse wieder zurück. Ein Ruck nach vorne, einer zurück – als hätte die Zeit selbst Probleme, die Geschwindigkeit zu halten. Der Lärm der Fahrgäste wird zu einem Flüstern, das irgendwo hinter meinen

Weiterlesen

Deine Mütze

Elf Jahre fehlst du schon. Ich streiche über die gestrickte Wolle. Das dunkle Grün hat etwas an Farbe verloren. Es verblasst. So wie deine Stimme. Deine Augen sehe ich noch immer unter dem Bommel hervorblicken, am ausgefransten Rand. Ich klopfe den Staub ab, der sich wie eine Decke darüber legt. Durch die vielen Jahre des Tragens fühlt sie sich rau

Weiterlesen

Immer noch

Wie jeden Abend stelle ich unsere Tasse Tee auf den Tisch. Immer noch ist das unser gemeinsames Abendritual. Du gehst draußen noch die Runde mit unserer Fellnase. Immer noch sind wir diese kleine Familie. Ich lehne mich an die Fensterbank, suche dich draußen. Immer noch freue ich mich, wenn du durch die Tür kommst. Ich ziehe die Vorhänge zu, stelle

Weiterlesen