Ela Weidinger

Anlauf im Stehen

Enge nimmt im Brustkorb Raum. Immer schneller sucht der Körper nach Luft. Der Blick zuckt über die Schulter. Für einen Moment durchrollt ein Beben die Knie. Die Schwelle liegt da wie eine Frage. Der alte Boden verliert an Haftung. Die Ferse hebt sich zögernd. Und doch, kaum in der Luft, zieht der Boden zurück. Der Fuß fasst neuen Grund. Erneut

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Sehend blind

Sternenlicht Späte Zeit Klare Sicht verliert sich weit kaum gehaltenes Wolkenkleid Hoffnungstraum Lauer Wind Ränderloser Raum Inneres Kind sehend blind Widerständiges Herz Dunkle Nacht Durchstandener Schmerz Gefühle, leise erwacht ins Leben zurückgebracht

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Wo sie ihn sehen kann

Das Fenster ist abends ihr einziger Ort. Wenn das Licht im kleinen Wohnzimmer ausgeht, das tagsüber zu hell wirkt für alles, was darin fehlt, spiegelt die Scheibe ihr Gesicht zurück. Blass. Als hätte das Licht sie vergessen. Auf dem Display ihres Handys beantwortet er Fragen. Ruhig. Klar. Freundlich. Lena kennt dieses Lächeln. Es ist schmaler als sonst, einen Moment zu

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Der Anfang der Gerechtigkeit

Gerechtigkeit –  wo fängst du an? Beginnst du, wo niemand an Hunger und Kälte leidet? Beginnst du, wo Politiker nicht stets nach Macht schürfen? Beginnst du, wo Menschen in Würde sterben dürfen? Beginnst du, wo die Liebe nicht nach Geschlechtern unterscheidet? Gerechtigkeit –  nun antworte! Beginnst du, wo vorm Scheidungsrichter auch Väter Chancen haben? Beginnst du, wo Mitmenschen unterstützt werden

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Unabgeschickt

In meinen Gedanken habe ich euch schon viele Briefe geschrieben. Abgeschickt wurden sie nie. Vielleicht, weil Schweigen einfacher ist. Aber ist es das wirklich? Ich habe nie gesagt, wie es mir wirklich geht. Schweigen schien leichter. Aber je länger man schweigt, desto größer wird der Abstand. Und inzwischen wirkt er beinahe unüberwindbar. Ich habe nie gesagt, woran es liegt. Dass

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Näher als ich selbst

Zwei Seelen, kaum mehr zu zählen, die sich still aneinander lehnen, getrennt und doch nacheinander sehnen. Ohne Worte verstehen, Gedanken im Anderen zu Ende gehen, im Anderen finden, ohne sich aneinander zu binden. Risse, die an gleichen Stellen liegen, ohne sich daran zu verbiegen, ähnliche Träume entstehen, weil beide zum selben Horizont sehen. Gemeinsam Grenzen verschieben, verwandt und doch verschieden,

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elfchen # 1-3

Annäherung DuUnd ichRücken näher zueinanderWachsen still tiefer ineinanderLiebe Geborgen IchBei dirin deinen Armendarf ich einfach seinGeborgenheit Weiter WirIn LiebeSchon so langeGehen leise weiter zusammenZusammen

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bis ich

Angst atmet in mir Beklemmung bremst mich Chaos – chancenlos Dunkelheit – findet jede Ritze Erbarmungslos reißen Erinnerungen mich auf Furcht fasst fortan Fuß – und bleibt Gnadenlos – kein Entkommen Hoffnung hält nicht mehr Ich – nicht mehr hier

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Freudentanz

Freudenstrahlend leuchtet Morgenrot, rosiges Licht auf stillen Dingen, erquicklich atmet die Welt, unbeschwert trägt der Wind die Sorgen fort. Drängend beginnt dieser Anfang, entzückt vom Jetzt, nah wächst jeder Schritt in mir, tatkräftig greife ich nach Weite, ausgelassen klingt mein Innerstes – neu geboren mein Tag zieht ins Leben.

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fragment # 2 – sie

Mit einem Lächeln kommt sie an, als gehöre sie längst hierher. Nur ihr Blick trägt eine Weite, als würde er mehr festhalten, als er preisgibt, so als hätte sie die Welt gesehen.Wenn sie lacht, sammeln sich Sonnenstrahlen in ihren Grübchen. Alles an ihr wirkt ungekünstelt, beinahe unberührt echt – als hätte das Leben sie noch nicht verbogen. Ihre Bewegungen sind

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unter meiner Rippe # 2

Vierzig. Bald einundvierzig. Noch immer trage ich den Namen, den mir andere gaben. Die Sensible. Die Empfindliche. Die Traurige. Die, die zusammenzuckt. Die, die laut weint. Die, die nichts aushält. Die Schwache. Aber unter meiner Rippe schlägt ein anderer Name. Nein. Es sind mehrere. Sie drängen an die Oberfläche wie ein Atem, der zu lange angehalten wurde. Welche Namen dürfen

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fragment # 1 – Dort, wo der Bachlauf…

Das Raue der glatten Oberfläche gibt die Geschichten wieder, die jeder Regentropfen von seiner Reise durch die Jahreszeiten trägt. Vom Wind geformt, legt sich seine Bewegung in feine Spuren. Eingebettet in eine Fremde und doch für diesen Ort geschaffen: Dort, wo der Bachlauf zarte Melodien im Takt des Spechtes trägt, wohlwissend, dass er im Sommer verstummt, um im Herbst alles

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Wo wir

Dort wo Vaterland Dort im Bundesland Dort wo Grenzen relevant Oder dort wo geboren Dort hinter den braunen Gartentoren Dort wo die Kindheit verloren Oder dort wo geborgen Dort in euren Händen die umsorgen Dort wo keine Geheimnisse verborgen Oder hier wo mit dir Hier wo mit mir Hier wo wir Heimat.

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Ich war da. Wieder.

Ich habe gelernt, dass Risse nicht immer repariert werden wollen. Ich musste das schmerzlich lernen. In einer Zeit, in der ich funktionierte, wurden wir Freunde. Mir war egal, ob du es tatest. Für Freundschaft sollte das nicht wichtig sein. Dachte ich. Ich war dir wichtig. Immer dann, wenn du nicht funktioniert hast und ich schon. Ich habe geschluckt. Immer wieder.

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Zwischen offen und geschlossen

Zwischen uns war immer ein Fenster, das weder ganz offen noch ganz geschlossen stand. Deine Blicke durch dieses Fenster aufzufangen, gab mir Nähe. Und Geborgenheit. Nähe – aber nicht unbeschwert. Auf ihr lag ein Gewicht aus hundert Abern und unausgesprochenen Gedanken. Dann ist da diese Unsicherheit: Wenn ich sie zulasse, öffnet sich das Fenster weiter – oder wird es von

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