Ela Weidinger

Wo sie ihn sehen kann

Das Fenster ist abends ihr einziger Ort. Wenn das Licht im kleinen Wohnzimmer ausgeht, das tagsüber zu hell wirkt für alles, was darin fehlt, spiegelt die Scheibe ihr Gesicht zurück. Blass. Als hätte das Licht sie vergessen.

Auf dem Display ihres Handys beantwortet er Fragen. Ruhig. Klar. Freundlich. Lena kennt dieses Lächeln. Es ist schmaler als sonst, einen Moment zu lang gehalten. Wer ihn nicht kennt, würde es übersehen. Sie nicht. Seine Hände verraten ihn. Ein leichtes Zittern, kaum sichtbar. Vielleicht Aufregung.

Lena blickt aus dem Fenster und lächelt, ein kaum merkliches Heben der Mundwinkel – als könnte er es sehen. Sie hat das schon einmal gesehen. Fast zwanzig Jahre ist es her.

Nachtdienst. Ein Zimmer, das nach Desinfektionsmittel roch. Ihre Hände, die nicht stillhalten wollten. Stimmen im Hintergrund, als er sie anrief. Musik. Lachen. Sein Geburtstag. „Lena?“ Mehr brauchte es nicht. Er hörte es.

Und kam. Zehn Minuten später stand er mitten im Raum, den Blick ganz bei ihr, als hätte es nichts anderes gegeben. Er setzte sich zu ihr, ohne ein Wort zu sagen. Seine Schulter stupste ihre. Seine Hand fand ihre.
Nur für einen Moment. Sie weiß nicht, ob er sich daran erinnert. Lena schon. Vielleicht, weil es niemand sonst getan hätte.

Vor ein paar Tagen hat er sich wieder neben sie gesetzt. Mittagspause. Zu kurz wie immer. Er roch nach draußen, nach kalter Luft und Bewegung. Als hätte er die Welt nur kurz angehalten, um hier zu sein.

Sie hatte sich vorgenommen, leicht zu bleiben. Zu lächeln, zuzuhören, nichts von dem zu zeigen, was in ihr arbeitet. Doch dann sah er sie an. Nicht lange. Nur einen Moment zu genau. „Alles gut?“ Ein einfacher Satz. Und etwas in ihr gab nach. Nicht plötzlich. Eher leise. Wie etwas, das schon lange einen Riss hatte. Sie wollte es herunterspielen. Wollte sagen, dass es nichts ist. Aber ihre Stimme hielt nicht.

Und dann waren da Worte, die sie nie hatte aussprechen wollen. Er sagte nichts. Rückte näher. Setzte sich neben sie. So selbstverständlich, als hätte er es nie anders gemacht. Seine Schulter streifte ihre. Seine Hand fand ihren Arm. Ruhig. Bleibend. Er blieb einfach da.

Und für einen Moment war alles still genug, dass sie sich vorstellen konnte, wie es wäre, wenn das reichen dürfte.

Lena blickt aus dem Fenster. Die Schatten der Bäume bewegen sich an der Häuserwand, getragen vom Wind, langsam, beinahe ruhig. Für einen Moment stellt sie sich vor, dort hinge dieses Foto. Seins. Darunter, in seiner Schrift: Für meine liebe Lena. So hatte er das Bild beschrieben, als er es ihr gegeben hatte. Ohne zu zögern.
Als wäre es nichts.

Sie bleibt an diesem einen Wort hängen. Meine. Als hätte es ein Gewicht, das sie spüren kann. Als dürfte sie es für einen Augenblick behalten, ohne es erklären zu müssen.

Im Display spricht er weiter. Ruhig. Klar. Freundlich. Ein Lächeln, das allen gehört. Und doch weiß sie, wie es sich verändert, wenn er müde ist. Wie seine Stimme leiser wird, wenn er nicht mehr funktionieren muss. Sie kennt diese Version von ihm. Die, die er nicht zeigt, wenn jemand hinsieht.

Lena legt die Stirn an die kühle Scheibe. Sie denkt an seine Hand an ihrem Arm. Und daran, wie es wäre, nicht neben ihm zu sitzen, sondern in seinen Armen. Wie nah Nähe sein kann, ohne dass sie bleibt. Sie denkt an das leichte Anstoßen seiner Schulter. An diese selbstverständliche Art, bei ihr zu bleiben.

Sie weiß, dass sie keinen Platz in seinem Leben einfordern wird. Und dass er ihr trotzdem einen gegeben hat. Einen leisen. Einen, der nicht benannt werden muss, um da zu sein. Lena schließt kurz die Augen. Vielleicht ist das genug. Nicht weniger, als er geben kann. Nicht mehr, als sie verlangen darf.

Als sie sie wieder öffnet, ist da nur noch die Scheibe zwischen ihr und der Nacht. Und sein Bild, klein, auf dem Display. Lena lächelt. Und bleibt.

Wo sie ihn sehen kann, ohne dass er es merkt.